Rose Ausländer: Als Jüdin ins Ghetto deportiert wurde Literatur für sie zur Therapie und Überlebenshilfe. mehr

Gedichte

Biographisches

 

Bruder im Exil

 

Bruder im Exil

in Zeitungen gekleidet

gehst du der Sonne aus dem Weg

dein Koffer steht vor der Tür

von Raben bewacht

 

Der Baum bittet um Einlaß

in dein Vertrauen

aber du reitest ins Regenreich

wo der Dornbusch erlosch

kein Vogel ein Nest baut

 

Sonntag irlandgrün

im Nebel hängt eine Kirche

blühende Fenster winken

Du wendest dich ab

wanderst von Land zu Land

um die blaue Lampe zu finden

obwohl du weißt

daß der Athlet sie zertreten hat und die

Scherben zerstreut liegen in Europa

 

Trägst den Abend zum Strand

Sterne halten den Himmel im Gleichgewicht

daß er nicht stürze auf dich wie Amerika

das Wasser brüderlich fremd

schwemmt weg die Trümmer deines Traums

das Wasser dein

Bruder im Exil

 

 

 

Mein Schlüssel

 

Mein Schlüssel

hat das Haus verloren

 

Ich gehe von Haus zu Haus

keines passt

 

Den Schlosser

habe ich gefunden

mein Schlüssel paßt

zu seinem Grab

 

 

 

Biographische Notiz

 

Ich rede

von der brennenden Nacht

die gelöscht hat

der Pruth

 

von Trauerweiden

Blutbuchen

verstummtem Nachtigallsang

 

vom gelben Stern

auf dem wir

stündlich starben

in der Galgenzeit

 

nicht über Rosen

red ich

 

Fliegend

auf einer Luftschaukel

Europa Amerika Europa

 

ich wohne nicht

ich lebe

 

 

 

Bukowina II

 

Landschaft die mich

erfand

 

 

wasserarmig

waldhaarig

die Heidelbeerhügel

honigschwarz

 

Viersprachig verbrüderte

Lieder

in entzweiter Zeit

 

Aufgelöst

strömen die Jahre

ans verflossene Ufer

 

 

 

Sintflut

 

Und der Regen fällt

und der Regen fällt

 

     Ruft der Gaukler sieh

     ihre Besessenheit tanzt

     um die Sonne

     wie zur Zeit Babels

     Marionetten hüpfen

     im Regenrhythmus

     mit gesprungenem Genick

     Sieh die Ballerina

     das Glasgesicht verzückt

     um ihre Achse dreht sie sich

     den Spiegel in der Hand

     wer ist die Schönste im Regenland

 

     Der Regen hat weggeschwemmt mein Gedicht

     meldet der Poet

     Salzsäulen füllten die Arche

     kein Platz für Verse

     eine Strophe verschlang der Hai

     eine warf Noah der Taube zu

     sie fing sie nicht auf

 

und der Regen fällt

und der Regen fällt

 

 

 

Ich halte mich fest

 

Wer hat mir

den Regenbogen

aus dem Blick gerissen

 

Ich wollte ihn befestigen

an sieben Worten

 

Im Regen ertrinken

meine Augen

 

Ich halte mich fest

an einem Blatt

an diesem Papierblatt

 

 

 

Bis an den Nagelmond

 

Bis an den Nagelmond

denk ich an dich

wenn die Nacht mich nimmt

 

Sie haben dich begraben

im Feuer

 

Ich halte den Gedanken

deiner Asche

im Blutgefäß

das rastlos zum Herzen führt

deinen Namen

 

Wie schön

Asche blühn kann

im Blut

 

 

 

In Memoriam Paul Celan

 

            »Meine blonde Mutter

            kam nicht heim«

                     Paul Celan[1]

 

Kam nicht heim

die Mutter

 

nie aufgegeben

den Tod

 

vom Sohn genährt

mit Schwarzmilch[2]

 

die hielt ihn am Leben

das ertrank

im Tintenblut

               

                  *

 

Zwischen verschwiegenen Zeilen

das Nichtwort

im Leerraum

leuchtend

 

 

 

Wächst noch

 

Wir die Letzten oder

die Ersten zum Himmel

eine Blume im Mund

asterngelb

darüber entzündeter Mars

wir Töchter

dicht beieinander

atmen noch ein das Aroma der Erde

am Rand unsrer letzten Frage

die wächst in uns

wächst noch

unendlich

 

 

 

Schutzengel

 

Gebetbänder schützen

nicht

 

Im Ölgarten schläft

der Schutzengel

tagtäglich

nachtnächtlich

 

Hinter der Blutgrenze

blühen begrabene

Namen

 

 

 

Schallendes Schweigen

 

Manche haben sich gerettet

Aus der Nacht

krochen Hände

ziegelrot vom Blut

der Ermordeten

 

Es war ein schallendes Schauspiel

ein Bild aus Brand

Feuermusik.

Dann schwieg der Tod

Er schwieg

 

Es war ein schallendes Schweigen

Zwischen den Zweigen

lächelten Sterne

 

Die Geretteten warten im Hafen

Gescheiterte Schiffe liegen

Sie gleichen Wiegen

ohne Mutter und Kind

 

 

 

Nicht Oktober nicht November

 

Herbst sagst du

und meinst den Wind er schärft

sein Messer an deiner Stirn

meinst rostige Blätter sie rollen

deinem Schritt voran

meinst Frostnadeln sie stechen

die Luft den Baum die Haut

 

Herbst herber Laut

brauner Geschmack

Die Freunde an der Front

werden bitter und braun

nicht von Sonne gebräunt

 

Die Erde rostet und rollt

mondab

in die Schlucht wo die

Geschichte Burgen baut

Schuldtürme Falltüren

 

Herbst sagst du

aber ich sage dir

nicht Oktober nicht November

du mußt einen neuen Kalender erfinden

ein andres Alphabet

eine Sprache die Einhalt gebietet

denn die Zeit fällt

fällt ins Unabsehbare

und wir fallen mit ihr

 

 

 

In jenen Jahren

 

In jenen Jahren

war die Zeit gefroren:

Eis so weit die Seele reichte

 

Von den Dächern

hingen Dolche

Die Stadt war aus

gefrorenem Glas

Menschen schleppten

Säcke voll Schnee

zu frostigen Scheiterhaufen

 

Einmal fiel ein Lied

aus goldnen Flocken

aufs Schneefeld:

     »Kennst du das Land

     wo die Zitronen blühn?«

Ein Land wo Zitronen blühn?

Wo blüht das Land?

Die Schneemänner

wußten nicht Bescheid

 

Das Eis wucherte

und trieb

weiße Wurzeln

ins Mark unsrer Jahre

 

 

 

Blinder Sommer

 

Die Rosen schmecken ranzig-rot -

es ist ein saurer Sommer in der Welt

 

Die Beeren füllen sich mit Tinte

und auf der Lammhaut rauht das Pergament

 

Das Himbeerfeuer ist erloschen -

es ist ein Aschensommer in der Welt

 

Die Menschen gehen mit gesenkten Lidern

am rostigen Rosenufer auf und ab

 

Sie warten auf die Post der weißen Taube

aus einem fremden Sommer in der Welt

 

Die Brücke aus pedantischen Metallen

darf nur betreten wer den Marsch-Schritt hat

 

Die Schwalbe findet nicht nach Süden -

es ist ein blinder Sommer in der Welt

 

 

 

Ein Tag im Exil[3]

 

Ein Tag im Exil

Haus ohne Türen und Fenster

 

Auf weißer Tafel

mit Kohle verzeichnet

die Zeit

 

Im Kasten

die sterblichen Masken

Adam

Abraham

Ahasver

Wer kennt alle Namen

 

Ein Tag im Exil

wo die Stunden sich bücken

um aus dem Keller

ins Zimmer zu kommen

 

Schatten versammelt

ums Öllicht im ewigen Lämpchen

erzählen ihre Geschichten

mit zehn finstern Fingern

die Wände entlang



[1]Vgl. Celans Gedicht »Espenbaum, dein Laub blickt weiß ins Dunkel«.

 

[2] Rose Ausländer hat dieses berühmt gewordene Wort-Bild bereits vor Yvan Goll (»Lied der Unbesiegten«) und vor Paul Celan (»Todesfuge«) gebraucht; vgl. Rosalie Scherzer [d. i. Rose Ausländer]. Der Regenbogen, Cernowitz 1939, S. 9, sowie Klaus Wagenbach, »Paul  Celan, Todesfuge«, in: Freibeuter, Jg. 1979, H. l,

S. 85-87.

 

[3] In: Rose Ausländer: Gesammelte Werke in 7 Bänden. Hrsg. von Helmut Braun. Frankfurt am Main: S. Fischer.

 

 

Rose Ausländer (* 11. Mai 1901 in Czernowitz (Bukowina), † 3. Januar 1988 in Düsseldorf), eigtl. Rosalie Beatrice Ruth Scherzer, war deutsche Lyrikerin.

Von 1907 bis 1919 besuchte sie in Czernowitz und Wien Volksschule und Lyzeum. 1919 begann sie das Studium der Literatur und Philosophie in Czernowitz, brach das Studium aber bereits 1920 nach dem Tod des Vaters wieder ab. Mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer zusammen verließ sie 1921 auf Anraten der Mutter die Bukowina und wanderte in die USA aus. Hier war sie unter anderem Redakteurin beim "Westlichen Herold", begann mit dem Schreiben, und im von ihr bis 1927 redigierten Amerika-Herold-Kalender erschienen erstmalig Gedichte von ihr.

Am 19. Oktober 1923 heiratete sie Ausländer in New York, ließ sich aber, angeblich wegen ehelicher Langeweile, bereits 1926 wieder scheiden. Im selben Jahr erhielt sie auch die Staatsbürgerschaft der USA. 1927 kehrte sie für 8 Monate in die Bukowina zurück, um ihre erkrankte Mutter zu pflegen. Noch einmal kehrte sie wegen ihrer kranken Mutter 1931 nach Czernowitz zurück und lernte dort den Graphologen Helios Hecht kennen, mit dem sie bis 1936 zusammenlebte. Da sie mehr als drei Jahre nicht mehr in den USA gewesen war, wurde ihr zwischenzeitlich die amerikanische Staatsbürgerschaft wieder aberkannt; nach dem Bruch mit Hecht ging sie 1936 nach Bukarest.

1939 erschien durch die Vermittlung von Alfred Margul-Sperber ihr erster Gedichtband "Der Regenbogen" in Czernowitz, aber obgleich von der Kritik hochgelobt, fiel er beim Publikum durch. Der größte Teil der Auflage wurde auf Befehl der Nationalsozialisten eingestampft, als 1941 die Stadt durch SS-Truppen besetzt wurde. Mit ihrer Familie musste sie ins Ghetto der Stadt ziehen; zwei Jahre lang lebte sie dort, ein weiteres in Verstecken, um der Deportation zu entgehen. Im Ghetto lernte sie auch Paul Celan kennen, unter dessen Einfluss sie ihren Stil modernisierte und sich von ihrem klassisch-expressionistischen Ton löste. Im Frühling des Jahres 1944 wurde Czernowitz durch die Rote Armee befreit. Rose Ausländer verließ das Land wieder in Richtung New York, wo sie 1948 wieder die amerikanische Staatsbürgerschaft erwarb. Celan sollte sie erst 1957 in Paris wieder sehen. Die traumatisierenden Ereignisse der Verfolgung hatten sie physisch wie psychisch gezeichnet; sie wechselte zum Englischen, und erst 1956 begann sie wieder, Texte auf Deutsch zu verfassen.

Als sie 1965 mit "Blinder Sommer" ihren zweiten Gedichtband vorstellte, wurde dieser enthusiastisch begrüßt. 1966 kehrte sie in die Bundesrepublik zurück. Bis zu ihrem Tod 1988 lebte sie in Düsseldorf, wegen einer schweren Arthritis war sie aber seit 1978 bettlägerig. Da sie selbst nicht mehr schreiben konnte, diktierte sie ihre Texte seither.

http://de.wikipedia.org/wiki/Rose_Ausl%C3%A4nder