MAX HERRMANN-NEISSE

Gedichte

Biographisches

 

Die Eisheiligen

 

Die Eisheiligen stehen mit steif gefrorenen Bärten,

aus denen der kalte Wind Schneekörner kämmt,

früh plötzlich in den blühenden Frühlingsgärten,

Nachzügler, Troß vom Winter, einsam, fremd.

 

Eine kurze Weile nur sind sie hilflos, betroffen,

dann stürzt die Meute auf den Blumenpfad.

Sie können nicht, sich lang zu halten, hoffen;

so wüsten sie in sinnlos böser Tat.

 

Von den Kastanien reißen sie die Kerzen

und trampeln tot der Beete bunten Kranz,

dem zarten, unschuldsvollen Knospenglück bereiten sie hohnlachend Schmerzen,

zerstampfen junges Grün in geisterhaft verbissnem Kriegestanz.

 

Plötzlich mitten in all dem Toben und Rasen

ist ihre Kraft vertan,

und die ersten warmen Winde blasen

aus der Welt den kurzen Wahn.

 

 

 

Zerstörte Welt

 

Wieviel Freundschaft ist verdorben,

seit Verrat sich wohl belohnt.

Hat man gestern dich umworben,

heut verleugnet dich die Welt.

Die Begründer sind gestorben,

und ihr letzter Erbe wohnt

einsam im Nomadenzelt.

 

Mädchen spielen jetzt Spione,

Mütter hetzen in den Mord,

und der Vater wird vom Sohne

ausgeliefert dem Schafott.

Güte gilt dem Gassenhohne

weniger als nichts. Verdorrt

ist in dir die Blume Gott.

 

 Auch in meinem Herzen lauert

 Bosheit, die sich rächen will.

 Die entmenschte Seele trauert

 um verlernen Kindersinn.

 Alle Gärten sind vermauert,

 Nachtigallen bleiben still,

 und die Hoffnung ist dahin.

 

 Die Gerechten sind gestorben,

 nur der Frevler wird verschont,

 hündisch alle Macht umworben,

 jeder Grausame heißt Held.

 Alles Leben ist verdorben,

 seit sich der Verrat belohnt,

 und zur Wüste wird die Welt.

 

 

 

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen

 

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,

die Heimat klang in meiner Melodie,

ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,

das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

 

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,

sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,

so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,

der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

 

In ferner Fremde mal ich ihre Züge

zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,

die Abendgiebel und die Schwalbenflüge

und alles Glück, das einst mir dort geschah.

 

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,

ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;

ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,

jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.

 

 

 

Mir bleibt mein Lied

 

Mir bleibt mein Lied, was auch geschieht,

mein Reich ist nicht von dieser Welt,

ich bin kein Märtyrer und Held,

ich lausche allem, was da klingt

und sich in mir sein Echo singt.

  Ob jedes andre Glück mich flieht -

   mir bleibt mein Lied.

 

Schutzengelhaft gibt es mir Kraft,

denn seine Melodie beschwört

das Böse, das den Frieden stört,

doch nicht in meinen Abend dringt,

den zärtlich die Musik beschwingt.

   Ob sich der Himmel schwarz umzieht,

   mir bleibt mein Lied.

 

Was lärmend schallt, ist bald verhallt,

mißtönende Vergangenheit,

die nur die eigne Schande schreit,

wenn maßvoll mit holdseligem Ton,

in fast jenseitiger Klarheit schon,

mein Lied auf seinem Abschiedspfad

   den Sternen naht ...

 

 

 

Bäume im Exil

 

In der Stadt verlornen Zwischenräumen,

die sich überheblich Gärten nennen,

läßt sich, rauscht es herbstlich in den Bäumen,

die Musik der Wälder noch erkennen,

singt das Ungebundne seine Sage,

Lieder längst versunkner Paradiese,

und gedenkt bewegter Wildnistage

mit dem herben Duft der nahen Wiese

und der Stämme seltsam heisrem Knarren,

wo der Wasserfall am Felsen schallte

und ein Quell, verborgen unter Farren,

die geheimnisvolle Losung lallte,

wo vielleicht ein Liebespaar, umschlungen,

wesensgleich den Wolken und den Winden,

eins von den erwählten, ewig jungen,

durfte eine Spur der Gottheit finden.

Aber, nahn die Abendschatten schneller,

liegen die entlaubten Baumskelette

grau, verkommen in dem Nebelkeller,

wie Gefangne, hilflos an der Kette,

magre Arme durch das Dunkel schwingend,

daß der Straßen Gnade sie beachte,

ihnen ihre Freiheit wiederbringend,

sie erlöse aus dem Häuserschachte.

Doch des Lebens ungerührtes Treiben

sieht verächtlich auf die dürren Besen,

und verlassen, irr vor Ohnmacht bleiben

die um ihre Welt gebrachten Wesen,

wie in allzu engen Käfigräumen

Tiere rastlos auf und nieder rennen,

daß Verbannte in den Unglücksbäumen

nur das eigne Fremdlingslos erkennen.

 

 

Max Herrmann-Neisse,

am 23.5.1886 in Neiße geboren. Studium der Literatur und Kunstwissenschaft in München und Breslau. Seit 1909 freier Schriftsteller, Theater- und Kabarettkritiker  und Journalist in Neiße. 1917 Übersiedlung nach Berlin. Mitarbeit an den expressionistischen Zeitschriften "Aktion", "Die weißen Blätter" und "Pan".

1924 erhielt er den Eichendorff-Preis, 1927 den Gerhart-Hauptmann-Preis. 1933 Emigration in die Schweiz, von dort über Holland und Frankreich nach London. 1938 erfolgte die Ausbürgerung. Er verstarb am 8.4.1941 in London.

Formal lehnte sich H. zeitweilig stark an den von Lichtenstein und van Hoddis entwickelten expressionistischen Reihungsstil an und wirkt so eher konservativ. Stefan Zweig nannte Neisses Gedichte "die schönsten vielleicht, die seit Heinrich Heine im Exil geschrieben wurden". Er ist einer der verlorenen Dichter des Seelenleids, der Liebe und der Sehnsucht, der Schwermut und der Einsamkeit.

Inhaltlich hat er sich immer stark gegen menschliche Unterdrückung, den Unsinn von Krieg engagiert. In seinem Spätwerk forderte er eine Verbrüderung im Sinn des Internationalismus.

http://mitglied.lycos.de/LotharKrist2/herrmann.htm

 

 

 

Max Herrmann-Neiße (* 23. Mai 1886 in Neisse, Oberschlesien, † 8. April 1941 in London) war ein deutscher Schriftsteller.

1886 - 1911

Max Herrmann-Neiße, eigentlich Max Herrmann, war von Kindheit behindert, nämlich zwergwüchsig, verwachsen und bucklig. Die Eltern ermöglichten ihm dennoch den Besuch des Gymnasiums und später der Universität. Schon an der Schule begann Herrmann-Neisse Gedichte und Theaterstücke zu schreiben. Außerdem machte er dort die Bekanntschaft des ebenfalls aus Neisse stammenden Franz Jung mit dem er lange Zeit eng befreundet blieb.

Von 1905 bis 1909 studierte er in München und Breslau Literatur- und Kunstgeschichte. In München kam er mit der dortigen Bohème in Kontakt und besuchte häufig Varietés und Kabaretts. 1909 verließ er die Universität ohne Abschluss und ging zurück nach Neisse um als freier Schriftsteller zu leben. Nach ersten wenig beachteten Veröffentlichungen erschienen ab 1911 in der von Franz Pfemfert herausgegeben Zeitschrift Die Aktion Gedichte Herrmann-Neisses und bald darauf auch im von Alfred Kerr herausgegebenen Pan. Beide Hefte gehörten zu den führenden Organen der modernen Literatur und machten ihn schnell bekannt.

1911 - 1919

1911 heiratete er die ebenfalls aus Neisse stammende Leni Gebek. 1914 erhielt er den Eichendorff-Preis nachdem im S. Fischer Verlag sein erster größerer Gedichtband Sie und die Stadt erschienen war. Der Erste Weltkrieg ruinierte sein Eltern. Sein Vater verstarb 1916 und seine Mutter ertränkte sich kurz darauf 1917 in der Glatzer Neiße. Im März 1917 zogen Herrmann-Neisse und seine Frau nach Berlin, wo er in engem Kontakt zu Jung, Pfempfert und linken wie anarchistischen Kreisen stand. In dieser Zeit fügte er seinem Namen den seiner Heimatstadt Neisse an.

Allein 1919 erschienen vier Bücher Herrmann-Neisses (drei Gedichtbände und ein Theaterstück), die von der Kritik und von Autoren wie Else Lasker-Schüler oder Oskar Loerke begeistert aufgenommern wurden. Allerdings genügte dies nicht für den Lebensunterhalt, den er durch journalistische Arbeiten und eine Tätigekeit als Korrektor bei S.Fischer sichern musste. Ebenfalls 1919 wurde seine Komödie Albine und Aujust in Berlin uraufgeführt.

1920 - 1933

In den 1920er Jahren begann Herrmann-Neisse neben Gedichten auch verstärkt Erzählungen und andere Prosa zu schreiben. 1920 erschien der autobiografische Roman Cajetan Schaltermann. Die meisten Texte dieser Zeit sind noch stark vom Expressionismus geprägt. Mit dem Erzählband Die Begegnung (1925) zeichnete sich eine Wende hin zur Neuen Sachlichkeit ab. In dieser Zeit begann er auch regelmäßig in Kabaretts aufzutreten, wo er meist eigene Texte vortrug, wodurch sich Kontakte u.a. zu Claire Waldoff und Alfred Polgar ergaben. 1927 erhielt er den Gerhart-Hauptmann-Preis.

Herrmann-Neisse war einer der bekanntesten Berliner Literaten der Zeit - seiner Texte, wie auch seiner auffälligen Figur wegen. Zahlreiche Künstler, darunter sein Freund George Grosz porträtierten ihn in diesen Jahren.

1933 - 1941

Kurz nach dem Reichstagsbrand 1933 floh Herrmann-Neisse erst in die Schweiz, dann in die Niederlande, nach Frankreich und schließlich nach London, wo er sich im September 1933 niederließ. Im Exil gehörte er zum PEN, den er gemeinsam mit Lion Feuchtwanger, Rudolf Olden und Ernst Toller Ende 1933 gründete. In England blieb er weitgegend isoliert. Zwar beantragte er die englische Staatsbürgerschaft, jedoch ohne Erfolg. Auch im Exil schrieb er noch sehr viel, darunter Gedichte, die zu seinen besten gerechnet werden, aber es gab nur noch wenige Möglichkeiten zur Veröffentlichung. Im April 1941 starb er in London an den Folgen eines Herzinfarkts und wurde auf dem Marylebone Cemetry in London beigesetzt.

Letzte Gedichte wurde posthum noch von seiner Frau Leni veröffentlicht (die kurz nach Kriegsende Selbstmord beging). Wie viele Schriftsteller der Zeit geriet Max Herrmann-Neisse schnell in Vergessenheit. Sein Werk wurde erst ab den 1980er Jahren allmählich wiederentdeckt und neu herausgegeben.

http://www.weblexikon.de/Max_Herrmann-Neisse.html