GEORG KAISER

Gedichte

Biographisches

 

Vaterland, dich verfluch' ich mit stammelnden Lauten,

die das Wort, das erlernte, nicht formen zum reinen Gebild.

 

Reinheit — wie schänd' ich auch dies

und bring' es mit Sudel in Einklang -

Sudel aus schwappendem Sumpf, der dich, Vaterland, einschwemmt.

 

Vaterland, dich verfluch' ich mit nie gefundnen Flüchen,

die ich auf Fledermausflügeln, den widerlich wippenden,

scheuche in dein Gebiet, das glost von schwälendem Moder.

Meine Taube erstickte, die ich sonst zärtlich gesandt.

 

Fliege nicht, Vogel - mein weißes Federspiel - hin, wo die Geier

des Aases sonst froh mit schmatzendem Schnabel sich schleunig verzogen,

um noch die Türme des Schweigens mit solcher Vorkost zu kränken.

 

Vaterland, dich verfluch' ich, du tausendmal schlimmere Hure

als in allen verrufenen Häusern der Welt sich spreiten nach Harn:

du vergiftest das Blut dem Knaben, der dein unflätiges Girren

nimmt für der Liebe Geblüh, wie es sein Führer gebot.

 

 

 

Ein Dichter

 

Ein Dichter wühlt im Kehricht des Geschehens

und sondert Scherben Fetzen Lumpen Knochen

und wenn er an dem Unrat lang gerochen,

fühlt er sich Deuter des verfaulten Wehens.

 

Er überzeugt sie von dem Sinn und Wesen

der Lumpen, die sich in den Kübeln sammeln,

und kann kaum sprechen vor verzücktem Stammeln:

an diesem Drecke soll die Welt genesen.

 

 

 

Odysseeisch

 

Auch dieses Ufer täuscht. Du siehst dort Triften

die schwellend breiten Strande überziehn -

doch wenn sie ihren Ähren Reife liehn

geschieht's, um desto sichrer zu vergiften.

 

Dies neue Eiland meide. Du hörst Quellen

- dem heißen Durst der perlende Gesang -

nur beug' dich nicht zu eines Tropfens Fang,

dort haben Raubtierfische ihre Stellen.

 

Verbiet' dir odysseeisch jedes Landen,

bewahr' dich aufrecht - unter dir der Kiel,

dem nie gewiesen ein bestimmtes Ziel,

dein sich erbarmen mag mit letztem Stranden.

 

12. 12. 1944