RUDOLF LEONHARD

Gedichte

Biographisches

 

Familie

 

Meine Mutter denkt an mich in Berlin,

sie war zu alt, um wegzuziehn,

das Vaterland ist verstört und zerstört,

seit Ewigkeit hab ich nicht von ihr gehört.

 

 

Meine Schwester ist in England

verbannt,

sie dient bei fremden Leuten,

ich weiß nicht, ob sie ihr was bedeuten.

 

Meine Frau ist nicht weit von hier,

in Marseille; ich kann nicht zu ihr,

ich durfte nicht bei ihr bleiben,

kaum kann ich ihr klar innig schreiben.

 

Sie hat ihre Tochter bei sich,

die liebe ich herzlich;

da ist ein Mensch im Aufgehn,

ich kann nichts davon sehn.

 

Ich habe auch einen Sohn,

den sah ich erst einmal schon,

wir haben einander wohl nie vermißt,

ich weiß nicht, wo er ist.

 

Viele sind wo - eine Tante

modert in einer Stadt, die sie kaum kannte.

Sie ist auf der Wanderschaft still zerbrochen.

Ich erfuhr's erst nach Wochen.

 

Was ist im Weltenbrand

so ein einfaches dünnes Band?

Wie viel ist in diesem Getriebe

Nähe und Liebe!

 

 

In zwölf Jahren

 

Berlin brennt. Bremen brennt. Dresden ist ausgebrannt,

Das Rheinland brennt nicht; da gibt es nichts, das noch verbrennen

könnte. Über den Denkmälern wächst Gras.

Das Volk zerfiel in stumpfe Herde und heulende Meute.

 

Restdeutschland brennt, belagert von eisigem Haß.

Hunderttausende Deutsche heißen Verbrecher heute.

Hitler hat Wort gehalten; das Land

ist nicht wiederzuerkennen.