EUROPÄISCHE PHILOSOPHIEGESCHICHTE © gabriele weis

PHILOSOPHIE DER NEUZEIT 16. bis 20. Jhd.

 19. Jhd./ LINKSHEGELIANER / FEUERBACH, MARX


 

 

 

 

Ludwig Feuerbach (1804-1872)

 

 

Sein Zentralthema: die Betrachtung von Religion als ein anthropologisches, nicht als ein theologisches Phänomen

"Der erste Gegenstand des Menschen ist der Mensch." - "Der Mensch ist sich das Maß aller Dinge, aller Wirklichkeit."

Denn:

"Das Geheimnis der Theologie ist de Anthropologie."

 

Was den Menschen vor allem anderen Seienden kennzeichne, sei nicht die Vernunft, sondern seine spezifische Sinnlichkeit

"Wahrheit, Wirklichkeit und Sinnlichkeit sind identisch." - "Ich...habe aus der Unwahrheit und Wesenlosigkeit des Übersinnlichen die Wahrheit des Sinnlichen abgeleitet."

 

Und Gott?

"Das Wesen eines Gottes ist, daß er ein eingebildetes, unwirklihes phantastisches Wesen ist, das aber gleichwohl ein reales, ein wirkliches Wesen sein soll."

Deshalb gehe es um die "Reduktion des außermenschlichen, übernatürlichen und widervernünftigen Wesens Gottes auf das natürliche, immanente, eingeborene Wesen des Menschen."

 

Konsequenz: "Der Mensch soll das Christentum aufgeben, dann erst wird er Mensch."

"An die Stelle des Glaubens ist der Unglaube getreten, an die Stelle der Bibel die Vernunft, an die Stelle der Religion und Kirche die Politik, an die Stelle des Himmels die Erde, des Gebetes die Arbeit, der Hölle die materielle Not, an die Stelle des Christen der Mensch."

 

Folglich gelte:

"Das Wissen von Gott ist das Wissen des Menschen von sich, von seinem eigenen Wesen."

"Gott ist das Ideal des menschlichen Wesens, angeschaut als ein selbständiges wirkliches Wesen."

"In der göttlichen Allwissenheit erfüllt er nur seinen Wunsch, alles zu wissen; in der göttlichen Allgegenwart evrwirklicht er nur seinen Wunsch, an keinen Ort gebunden zu sein; in der göttlichen Ewigkeit verwirklicht er nr den Wunsch, an keine Zeit gebunden zu sein; in der göttlichen Allmacht verwirklicht er nur den Wunsch, alles zu können."

 

Die psychologische Wurzel all dieser Projektionen: das Abhängigkeitsgefühl

Der Mensch verehre, wovon er sich abhängig wisse, als Gott

Aber da täusche er sich: abhängig sei der Mensch allein von der äußeren wie von seiner inneren Natur -

der Mensch müsse aus seinem kindlichen Traum erwachen und durch sein Handeln in der Wirklichkeit gewinnen, was er in der Religion nur in der Phantasie erlange -

das Mittel zur Bändigung der Natur: Bildung und Kultur

Die Wurzel allen Gottglaubens sei der Egoismus/der Glückseligkeitstrieb des Menschen: der Mensch denke sich einen Gott aus, der mithelfen könne, dem übermächtigen Egoismus, den der Mensch aus eigener Kraft nicht befriedigen könne, Genüge zu tun

  

"Denn wenn die Anbetungs- und Verehrungswürdigkeit, folglich die göttliche Würde eines Wesens einzig abhängt von der Beziehung dessen auf das Wohl des Menschen, wenn nur ein dem Menschen wohltätiges und nützliches Wesen ein göttliches ist, so liegt ja der Grund von der Gottheit eines Wesens einzig im Egoismus des Menschen, welcher alles nur auf sich bezieht und nur in dieser Beziehung schätzt."

"Was der Mensch nicht wirklich ist, aber zu sein wünscht, das macht er zu seinem Gotte, oder das ist sein Gott"

"Ein Gott ist der in der Phantasie befriedigte Glückseligkeitstrieb des Menschen."

"Der Mensch glaubt an Götter nicht nur, weil er Phantasie und Gefühl hat, sondern auch, weil er den Trieb hat, glücklich zu sein... Was er selbst nicht ist, aber zu sein wünscht, das stellt er sich in seinen Göttern als seiend vor; die Götter sind die als wirklich gedachten, die in wirkliche Wesen verwandelten Wünsche des Menschen... Hätte der Mensch keine Wünsche, so hätte er trotz Phantasie und Gefühl keine Religion, keine Götter. Und so verschieden die Wünsche, so verschieden sind die Götter, und die Wünsche so verschieden, wie es die Menschen selbst sind."

 

 

 

Karl Marx (1818-1883)

 

 

Sein Ausgangspunkt: die Übernahme der Prinzipien der Diaklektik und des dynamisch-evolutionären Denkens von Hegel - und: die "Umstülpung des Hegelschen Handschuhs":

 

"Begreifen besteht aber nicht, wie Hegel meint, darin, die Bestimmung des logischen Begriffs überall wiederzuerkennen, sondern die eigentümliche Logik des eigentümlichen Gegenstandes zu fassen."

 

Die Materie bestimme das Bewußtsein, wirke auf die Sinne, bilde sich im Bewußtsein ab

 

Sie sei stets in dialektischem Werden begriffen – vermittels des Zusammenpralls entgegengesetzter Tendenzen und Kräfte, die sich auf höherer Ebene wieder aufhöben - in diskontinuierlichen Sprüngen, im "Abbrechen der Allmählichkeit"

Dieses Werden vollziehe sich nach 3 Gesetzen – verdeutlicht am Beispiel des Korns, aus dem eine neue Pflanze wird:

Das Gesetz des Umschlags von Quantität in Qualität

Das Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze

Das Gesetz von der Negation der Negation

 

Auch der geschichtliche Prozeß sei zuvorderst ein materieller -

Bewußtseinsbestimmung schaffe die Materie hier vor allem vermittels materiellen Grundlage der gesellschaftlichen Verhältnisse:

diese bestehe aus den ökonomischen Prozessen

"Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt."

 

Erkenntnis vollziehe sich prozessual, stufenweise

 

Wahrheit sei die Übereinstimmung des Denkens mit dem Objekt

 

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Wesensgemäß sei der Mensch auf gelingende Selbst- und Welterkenntnis - also auf eine herrschaftsfreie Existenz hin angelegt

 

 

In geschichtsphilosophischer Perspektive bedeute das:

im Prozeß ihrer Auseinandersetzung mit der Materie habe die Menschheit ab einem bestimmten Zeitpunkt einen langen, leidvollen, am Ende aber dann doch wieder heilsamen Weg beschritten, der die Menschen ihrem eigenen Wesen erst einmal entfremdet habe:

Die Menschheit habe den Besitz von Produktionsmitteln entdeckt (= ´ökonischer Sündenfall´) und mittels ihrer ihre technischen Lebensmöglichkeiten erweitert...

Dieser Besitz von Produktionsmitteln habe eine Zweiteilung der Gesellschaft in Organistatoren und Organisierte bewirkt - eine Zweiteilung, die sich des Mittels der Herrschaft bediente: die Klassengesellschaft sei geboren gewesen und mit ihr der Eintritt der Menschheit in einen Entwicklungsprozeß, auf den sich die ´Geschichte´ der Menschheit beschränke

Denn: Geschichte sei ein begrenzter Zeitraum in der Existenz der Menschheit - und zwar jener Zeitraum, innerhalb dessen Herrschaft die menschlichen Gesellschaften in die beiden Klassen der Herrschenden und der Beherrschten teile und die Auseinandersetzung zwischen diesen Klassen den Klassenkampf provoziere - ´Geschichte´ sei also eine ´Geschichte von Klassenkämpfen´;

Geschichte sei damit jener Prozeß, dessen die Menschheit zu ihrer Höherentwicklung bedürfe;

Geschichte sei damit gleichsam gesetzmäßig entstanden;

und: Geschichte werde ebenso gesetzmäßig auch wieder enden, sobald die Menschheit einen Entwicklungsstand erreicht habe, der es ihr ermögliche, erneut unter herrschaftsfreien Bedingungen zu leben...

 

Die gleichen Gesetzmäßigkeiten, die die Menschheit einst zur Herausbildung von Klassengesellschaften veranlaßt hätten, trieben den Geschichtsprozeß, in den die Menschen damit eingetreten seien, über insgesamt 4 Stufen voran, die mit Notwendigkeit in eine erneute Aufhebung der Klassengesellschaftssituation münden müssten:

 

 

Thesen zum Übergang von Stufe 3 zu Stufe 4:

Der Kapitalismus laufe mit gesetzmäßiger Notwendigkeit auf die Proletarische Revolution hinaus (Vgl. Basis-Überbau-Modell gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse in Klassengesellschaften)

 

Der Warenwert sei festgeronnene Arbeitszeit

Ziel des Kapitalismus sei jedoch der Profit/der Mehrwert , der nicht an die Produzenten voll weitergegebene Gewinn/ein nicht entlohnter Teil-Gegenwert seiner Arbeit - die Ware werde der Weg zu einer größeren Geldmenge: Kaiptal-Akkumulation

 

Mittel des Kapitalismus seien:

Fremdbestimmte extreme Arbeitsteilung um der aus ihr gewinnbaren Rationalisierungseffekte willen

Ausbeutung durch das Konkurrenzprinzip (industrielle Reservearmee)

 

So entstehe die krasseste Form der Entfremdung (vgl. oben: anthropologische Perspektive)

So entstehe aber auch die innere Entwicklung des Kapitalismus auf seine Negation hin:

 

Das Konkurrenzprinzip ermögliche den Kapitalismus und es dränge gleichzeitig je länger je mehr auf seine Vernichtung hin (Expropriation der Expropriateure): Konzentationsprozeß/Monopolisierungstendenz bis ins Extrem

 

Ausbeutung und Entfremdung ruinierten die Kaufkraft des verelendeten Industrieproletariats weltweit am Ende so sehr, daß das System wirtschaftlich und sozial zusammenbrechen müsse: proletarische Weltrevolution

 

Die proletarische Revolution werde eine Weltrevolution sein,

denn der bourgeoise Kapitalismus habe ein von den Industriestaaten dominiertes Weltwirtschaftssystem errichtet, das zu einer Proletarisierung der gesamten Weltbevölkerung führe

Die proletarische Revolution erfolge zu dem geschichtlichen Zeitpunkt, an dem - als Folge der kapitalistischen Wirtschaftsweise - weltweit die größtmögliche Vereinheitlichung einer größtmöglichen Bevölkerungszahl entstanden sei, und zwar in Form eines riesigen Proletariats...

Damit stehe die Menschheitsgeschichte vor ihrem Ziel: einer erneut klassenlosen Gesellschaft...

die herrschende Bourgeoisie-Klasse werde dann so geschrumpft sein, daß nach ihrer Entmachtung und der Vergesellschaftung des Produktionsmittelbesitzes (Sozialismus) der Weg in den Endkommunismus nur noch eines kurzen Lernprozesses unter Gleichen bedürfe

 

 

In gesellschaftsphilisophischr Hinsicht bedeute das:

Wesentlich für das Bewußtsein der Menschen wie für den Geschichtsprozeß seien die Produktionsverhältnisse

Sie bildeten die Basis einer jeden Gesellschaft

und bestünden aus der Gesamtheit aller materiellen Beziehungen der Menschen - z.B. Eigentum

Innerhalb ihrer und zu ihr stünden die Produktivkräfte - die menschlichen Arbeitskräfte mit ihren Fähigkeiten und Erfahrungen und die Produktionsmittel, also die Werkzeuge/Maschinen und die diesen zugeordnete Organisation der Arbeitsabläufe - in einem dialektischen Wechselverhältnis

Dieses könne sich teils im Einklang, teils im Widerspruch entwickeln

am Beginn bis zum Höhepunkt einer Epoche sei Ersteres im Verhältnis von Eigentumsverhältnissen und Herstellungsart der Fall,

danach wüchsen die Widersprüche/Antagonismen

Diese Widersprüche führten zu Klassenkämpfen

"Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen... Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen sie in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolutionen ein."

Alle weiteren Elemente der Gesellschaft seien "Ideologischer Überbau" - Philosophie, Religion, Kultur und: das jeweilige politische System

 

Aus dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels, 1847:

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