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. Josef Reding

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Josef Reding  /  Die Bulldozer kommen   (60er/70er Jahre)

(*1929)

 

Das Zechentor sieht wie immer aus, dachte Baranowski.  Wie eine Lücke in fauligem Gebiß.  Vor acht Stunden hat mich der dreckige Grubenmund aufgesaugt, jetzt speit er mich wieder aus.

Baranowski ging schneller.  Das Gedränge beim Pförtner würde gleich stärker sein, wenn sich die Kumpel aus der Waschkaue in dichten Trauben zum Tor schoben.  Baranowski mochte nicht das Haut-an-Haut-Stehen und die abgestandenen Witze dabei und den Geruch aus Kohlenstaub und Schweiß.  Acht Stunden lang, das war genug.  Nach Hause jetzt.

Baranowski steckte die dunkelbraune Karte in die Stempeluhr und schob sie wieder zurück in den Halter.  Draußen standen ein paar Frauen.  Es war Geldtag, und es drängte manchen Kumpel gegenüber in das „Lampeneck“;  man konnte mit leerer Lohntüte nach einigen Stunden wieder aus der Budike heraustaumeln.  Baranowski trank nicht.  Nach jeder Schicht eine Flasche Mineralwasser gegen den Steinstaub, das war alles.  Baranowski hatte seine 25 Arbeitsjahre lang gespart für das winzige Eigenheim am Stadtrand.  Mit Blick zum Wald.  Gerade das, was er brauchte nach dem Dunkel im Streb.  Hatte ihn ein paar tausend Überstunden gekostet und an der linken Hand drei abgequetschte Finger, das Häuschen.  Aber es hatte sich gelohnt.  Baranowski hatte einen Platz für sich, seine Frau und die zwei Kinder.

Unruhe sickerte ins Blut des Mannes, als er an den abgehärmten, lauernden Frauen vorüber war und die Sedanstraße entlangging.  Eine elende Straße.  Abbröckelnder rußdreckiger Putz und lungernde, blasse Kinder auf den abgewetzten Treppen.  Eines der Kinder kannte Baranowski.  Die fünfjährige Tochter seines Vetters, der auf der Zeche „Großer Fritz“ über Tag arbeitete, nach dem schweren Unfall damals.  Baranowski war das Kind oft tuberkulös vorgekommen mit dem ständigen Hüsteln und den dunklen Rändern um die großen Augen.

Und so etwas wie diese muffige Straße kroch nun auch gegen Baranowskis kleinen Besitz an.  Gestern waren Bulldozer über den Streifen zwischen seinem Haus und dem Waldrand gekrochen.  Drei Stück.  Das widerliche Grunzen ihrer starken Motoren hatte Baranowski von der Liege hochgeschreckt.  Mit nacktem Oberkörper stand er am Fenster und starrte ungläubig durch die Gardinen.  Die stählernen Stirnen der Raupenfahrzeuge drückten die Grasnarbe hoch und rissen sie zur Seite.  Dicke Striemen zeichneten sich mit einem Male auf dem vorher unberührten Gelände am Rande der dunklen Stadt ab.  Und Baranowski konnte an diesem Abend lange nicht einschlafen.

 

Jetzt stand Baranowski an seinem Haus.  Fünf Schritt vor seinem Gartentor hatte man ein Schild in den Boden gerammt.

„Siedlungsprojekt Greifring. 347 Wohneinheiten.“

Es ist soweit, dachte Baranowski.  Die Hinterhöfe und Zechentore marschieren voran.  Jetzt ist alles wieder da:  die Tuchfühlung mit dem Dreck, der saure Schweiß, der unter gewaltigem Druck mit Mühe die verstopften Poren freiätzt, die Enge.

„Tolle Sache, watt?“

Baranowski drehte sich langsam um.  Ein Mann mit einem Kind an der Hand kam hinter einem Erdhaufen hervor, den die Bulldozer zusammengeschaufelt hatten.  Jetzt erkannte er die beiden Näherkommenden:  seinen Vetter und die Tochter aus der Sedanstraße.

Wieder sagte der andere:  „Tolle Sache, watt, Franz?  Wir werden Nachbarn, alter Bursche!“  Er schlug Baranowski froh auf die Schulter.  „Freu dich mit uns, alter Bollerkopp!  Wir kommen endlich raus aus der verfallenen Steinhütte bei der Zeche.  Hier ist frische Luft.  Hier ist nicht mehr das Übereinanderhocken.  Hier kann man atmen!  Haha!“

Der Mann jubelte richtig.  Baranowski stutzte.  Er kratzte mit einem Steinchen den Lehm zwischen Sohle und Absatz weg.  Als Baranowski sich wieder hochreckte, lachte auch er ein wenig.

„Ich glaube, ich habe mir die Sache mit der Siedlung ein bißchen schief angeguckt!“ sagte er.  „Muß mir das nochmal durch den Schädel ziehen lassen.  Kommt rein.“

 

 

 

 

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